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Ginger Wood Der Holz-Hipster Franz Keilhofer

Auf einem alten Bauernhof unterm Watzmann lebt und arbeitet der Holzhipster Franz Keilhofer. Er hat im Drechseln seine Berufung gefunden. Das Porträt eines Grenzgängers zwischen Tradition und Moderne.

Von: Lisa Weiß

Stand: 12.02.2017 | Archiv

Franz Keilhofer, Fotomodell | Bild: Herzflimmern - Nadine Schachinger

Ein ganzkörpertätowierter, holzfällerhemdentragender Naturbursche mit rotem Rauschebart; einer, der seinen Instagram-Account pflegt, eine durchgestylte Website und letztlich eine Art Start-Up-Unternehmen namens "Ginger Wood" hat - eigentlich wirkt Franz Keilhofer wie das Abziehbild des urbanen Hipsters. Einer Jugendkultur, die zum Mainstream geworden ist. Nur lebt Franz Keilhofer nicht in Berlin, sondern in Berchtesgaden. Und: Tagsüber ist er  nicht filterkaffee-trinkend im hippen neuen Retro-Café um die Ecke am Laptop werkelnd zu finden, sondern körperlich arbeitend in seiner Werkstatt. Aber das Hipster-Image verfolgt ihn, sagt Keilhofer.

Mit Bart und Hemd

"Die Sache ist halt bei mir, dass ich ned so ausschau, weil das modern geworden ist, sondern weil ich schon immer so ausschau. Seitdem mir ein Bart wachst, hab ich vielleicht sechs Wochen keinen Bart g'habt und von dem her … i hab halt a Hemad an, weil i zum Arbeitn gern a Hemad anhab und das meiste ist eigentlich aus praktischen Gründen entstanden und zwar schon viel länger, als es diesen Trend gibt."

(Franz Keilhofer)

Einmal im Jahr geht's auf nach Berlin

In Berlin, sagt Franz Keilhofer, sei er aber wirklich gerne. Weil er da einfach ausnahmsweise einmal nicht auffällt: Wenn er durch Kreuzberg läuft, gibt’s genügend junge Männer mit Bart und Hemd, die genau so aussehen wie er. Freundin Nadine, ebenfalls tätowiert, Großstadtkind und Fotografin von Beruf, muss da ein bisschen grinsen.

Nadine Schachinger und Franz Keilhofer

"Ich mein dieses Hipsterding passt in gewisser Weise manchmal schon zu ihm, er schaut natürlich scho auf sei Aussehen und er mog scheene Hemden und er mog seinen Bart und er mog den aa moi aufzwirbelt und er liebt Berlin, also mia san mindestens oamoi im Jahr in Berlin. Andererseits ist er einfach vui z'vui Bauernbua dafür."

(Nadine Schachinger)

Ein Bauernbua, der Tradition und Moderne verbindet, dadurch, wie er lebt, wie er seinen Beruf interpretiert. Und dem das eigentlich ziemlich egal zu sein scheint.

Die vielseitigen Begabungen des Franz Keilhofer

Franz Keilhofer beim Schleifen einer Holzschale

Franz Keilhofer modelt, wirbt für den Tourismus in Bayern, ist Frontmann einer Hardcore-Punkband, fotografiert, gibt Nachhilfeunterricht in Mathematik – und er ist Drechsler. Seinen Beruf empfindet er als Berufung.

"Seitdem dreht sich mein Leben vor allem um Holz. Wie es riecht, wie es sich anfühlt, wie es klingt. Es ist dieses Arbeiten mit einem ganz besonderen Werkstoff, der einem den Zugang zur Natur und den Elementen öffnet", schwärmt Franz Keilhofer von seiner Arbeit.

"Ginger Wood" heißt sein Label; sich selbst bezeichnet er als Handwerker, nicht als Künstler. Er hat nur ein Ziel: die Schönheit des Holzes einzufangen und zur Geltung zu bringen. Holz ist ein vielseitiges Material. Eines, das sich nicht so leicht einschätzen lässt, das verschiedene Gesichter hat, immer wieder überrascht. Die schönsten Stücke sind oft am schwersten zu bearbeiten, aus verletzten oder schiefgewachsenen Bäumen entstehen oft die interessantesten Schalen.

Franz Keilhofers Leidenschaft für Holz

Ginger Wood: Der Holz-Hipster Franz Keilhofer

Ein Autodidakt an der Drechselbank

Franz Keilhofer an der Drechselbank

Es ist kein Wunder, dass Franz Keilhofer, der Bergbauernbub aus dem Berchtesgadener Land, ausgerechnet im Drechseln seine Erfüllung gefunden hat. Er ist ein vielschichtiger Mensch, einer, der in keine Schublade passt. Er hat nicht immer den geradlinigsten Weg gewählt. Nach der Schule eine Lehre als Formentechniker, dann ein abgebrochenes Studium, eine dunkle Zeit mit tiefen Depressionen. Doch der junge Mann hat sich ins Leben zurückgekämpft. Das Holz, die Natur, die Berge, haben ihm dabei geholfen. Vor gut fünf Jahren hat er seine erste Drechselbank gekauft, sich das Drechseln selber beigebracht. Seine Werkstücke sind handwerklich perfekt, schlicht und edel.

Der Preis der persönlichen Freiheit ist fehlende Freizeit

Es ist ein Leben mit vielen verschiedenen Rollen, das Franz Keilhofer führt. Mit vielen spannenden Rollen, mit viel persönlicher Freiheit, das zu tun, was er wirklich will, nah dran an der Natur. Ein Leben, um das ihn andere beneiden, die nach einem langen Tag im Büro nach Hause in die enge Stadtwohnung hetzen.

"Aber eines von de größten Probleme, die wir heid ham, ist dass die Leid vergessen, dass ois sein Preis hat. Das heißt, ich gewinn zwar sehr viel durch des was ich mach und die Art und Weise wie ich's mach. Aber i zoi natürlich aa an Preis dafür, der manch anderem vielleicht sehr hoch erscheinen mag."

(Franz Keilhofer)

"Ich bin sehr glücklich mit dem, was das Leben aus mir g'macht hat ..."

Franz Keilhofer als Model

Denn Franz Keilhofer macht zwar genau das, was er will. Dafür muss er aber viel arbeiten, mehr als viele andere. Um dreiviertel sieben klingelt der Wecker, jeden Tag. Dann geht’s bis mittags in die Werkstatt, an drei Tagen die Woche gibt er danach bis um neun Uhr abends Mathenachhilfe. Dazu noch der ein oder andere Model-Job. Und auch auf dem Hof gibt es immer etwas zu tun. Freizeit - das kennt Franz Keilhofer kaum, denn das, was er tut, erfüllt  ihn, doch es ist nicht einfach, davon zu leben. Würde er tauschen wollen? Franz Keilhofer streicht über seinen Bart, blickt noch einmal Richtung Berge, auf den Watzmann, lächelt und sagt:

"I bin eigentlich … zufrieden wär untertrieben, ich bin sehr glücklich mit dem, was das Leben aus mir g'macht hat und was auch ich aus mir g'macht hab, natürlich!"

(Franz Keilhofer)

Buchtipp:

Franz Keilhofer, der Autor

Mit Holz, Herz und Hand: Das echte Leben – ein Mann und sein Handwerk

Autor:
Franz Josef Keilhofer
Gebundene Ausgabe: 224 Seiten
Verlag: Ludwig Buchverlag (14. November 2016)
ISBN-10: 3453280814
ISBN-13: 978-3453280816

Die Autorin im Porträt

Lisa Weiß berichtet aktuell für die Magazine von Bayern 1, Bayern 2 und B5 aktuell. Seit einigen Jahren hat sie sich besonders mit der Lebenssituation von Flüchtlingen und allen Fragen zur Asylpolitik beschäftigt und darüber regelmäßig im Radio berichtet. Für ihre Reportage "Den ganzen Weg nur Todesangst" bekam sie im Mai 2015 den CIVIS-Radiopreis.

Alle Fotos im Artikel und der Bildergalerie hat uns die Fotografin Nadine Schachinger/Herzflimmern zur Verfügung gestellt.


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Hans H., Sonntag, 12.Februar 2017, 15:27 Uhr

3. Franz K. und Nadine Sch.

Ich beneide den Franz um seinen Werdegang in seinem Leben zu solch schönem Tun und Lassen. Auch um seine Nadine, die anscheinend gut zu ihm paßt. Wäre noch gut zu wissen wie deren Kindheit und Verhältniss zu ihren Eltern sich entwickelt hat. Ich selbst bin bis zu meinem 41-ten Lebensjahr mit Krebs (Karzinoid) herumgelaufen ohne es zu wissen. Mein Elternhaus in der Großstadt München war sehr problematisch. Und meine gesch. Ehe hat schließlich dazu geführt, dass ich heute, seit 7 Monaten in einer Obdachlosenunterhunft in Niederbayern zu wohnen gezwungen bin.

  • Antwort von Hans, Sonntag, 12.Februar, 16:42 Uhr

    Die Caritas ist ganz cool. Haben viele kompetente Leute.

Münchner, Sonntag, 12.Februar 2017, 13:06 Uhr

2. Sehr schöner Bericht

Tolle Fotos, spannendes Thema, sehr lesenswert. Gerne mehr von der Sorte...

P.S.
Einziger Einwand: Ganz schlimmer Stilbruch auf Foto Nr. 50! Asus-Notebook statt des obligatorischen Hipster-Accessoires MacBook?! ;-)

  • Antwort von Friedl, Sonntag, 12.Februar, 14:04 Uhr

    Vielleicht prägt er seinen eigenen Stil, da er hier in Einklang mit Natur, Mensch und Tier gezeigt wird. Würde mich nicht wundern, wenn auf seinem Notebook Ubuntu läuft.

Friedl, Sonntag, 12.Februar 2017, 11:02 Uhr

1.

Vor allem hält er sehr viel von Arbeitsschutz und trägt nicht das lausige Zeug, was einem die teilweise Firmen zur Verfügung stellen.

  • Antwort von Tom, Sonntag, 12.Februar, 11:39 Uhr

    Arbeitsschutz bei dem langen Bart, der ihm fast ins Gerät hängt?

  • Antwort von Schorsch, Sonntag, 12.Februar, 11:48 Uhr

    Bei den Maoris gibt es auch keinen Arbeitsschutz.

  • Antwort von Bert, Sonntag, 12.Februar, 11:50 Uhr

    Was für ein Arbeitsschutz?
    Bei uns im Betrieb müssen lange Haare so zusammengebunden werden, dass sie auf keinen Fall nach vorne hängen können. Ein hoch angesetzter Pferdeschwanz ist den Frauen nicht erlaubt; am besten geflochtene Haare.
    Und dann seh ich hier das Bild, auf dem er seinen langen Hipsterbart fast am Werksstück hat... -Schutz geht anders!

  • Antwort von Friedl, Sonntag, 12.Februar, 12:45 Uhr

    @Schorsch: einfach nur peinlich! @Tom und Bert: Also wenn Sie auf dem Bild an der Drechselbank etwas kritisieren sollten, dann nicht den Bart, sondern das Tragen der Handschuhe. Klicken Sie einmal die ganze Bilderserie durch, die ihn bei mehreren Tätigkeiten zeigt. Fällt Ihnen da etwas auf? Wenn ich Chef einer Firma, Betriebsrat oder Sicherheitsbeauftragter wäre, würde ich mir wünschen, dass - wenn dann schon die Ausrüstung zur Verfügung steht - die Arbeiter sich auch so verhalten würden.